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Von der Lust, auf dieser Welt zu leben

2010 September 1
Montaignes_Motto

Was ist Realität? Beim Lesen und überarbeiten der Übersetzung des 17. Kapitels von Life Safari stosse ich heute nochmals auf die Unterhaltung von Jack mit Ma Ma Gombe, die sich um genau diese Frage dreht. Jack ist sehr nachdenklich und schweigsam, obwohl er gerade zuvor erneut die faszinierende Schönheit und Würde der Natur erlebt hat, die sich ihm in Gestalt majestätischer Nashörner und anderer Tiere offenbart hat. Als Gombe ihn anspricht, gesteht Jack seine Verzweiflung. Er hat seinen Traum gelebt, kann sich inzwischen aber nicht mehr vorstellen, wie er sich in seine Realität einfinden soll, wenn die Wanderung mit Ma Ma Gombe irgendwann beendet sein wird. Und wer kennt das Gefühl nicht: Schon ein Buch, ein Bild oder eine Idee kann diese Sehnsucht in uns entfachen – und tiefe Depression auslösen. Alles nur ein Traum! Die Wirklichkeit sieht anders aus, komm’ wieder runter auf den Boden der Tatsachen! So oder ähnlich schlagen wir uns unsere Träume aus dem Kopf und arrangieren uns mit der nackten Wahrheit. Mit der ungeschminkten Realität. Abgesehen davon, dass das Problem vor allem darauf hinweist, dass wir die Mad-How-Disease noch nicht überwunden haben, wenn wir uns mit dem “Wie soll das bloß gehen?” quälen, lohnt es sich, die Eingangsfrage noch einmal zu beleuchten: Was ist Realität?

Sokrates, einer der großen antiken Denker, hat sich mit dieser Frage schon beschäftigt. Eines seiner bekanntesten Zitate, »Ich weiß, dass ich nichts weiß!«, deutet gerade nicht darauf hin, dass Sokrates sich kokett als ungebildet präsentiert hätte, sondern dass er um den Wert wusste, Dinge, die selbstverständlich scheinen, permanent in Frage zu stellen. Und was wäre selbstverständlicher als die Realität.
Ein anderer kritischer und freier Geist der Neuzeit war Michel de Montaigne, dessen Werk im Deutschen durch eine wirklich unglaubliche Leistung von Hans Stilett überhaupt erst wirklich verstanden werden kann. Dabei ist Hans Stilett nicht mal eine reale Person, sondern ein Künstlername, den sich Hans Adolf Stiehl zugelegt hat. Vermutlich, um eines seiner Big Five for Life in Ruhe zu leben und avantgardistische Lyrik zu publizieren, während er tatsächlich bis zur Pensionierung 1983 Beamter im Bundespresseamt zu Bonn gewesen ist. Nach der Pensionierung hat Stiehl zunächst Literaturwissenschaft studiert und sich für seine Dissertation mit Montaigne beschäftigt. Mehr: Stilett hat eine Leidenschaft für Montaigne entwickelt, der mit seinem Hauptwerk “Essais” nicht nur die bis heute sehr populäre literarische Kunstform des Essays begründet, sondern mit dem Titel gleichzeitig programmatisch ausgedrückt hat, dass jede Wahrnehmung, jede Beschreibung nicht mehr als der Versuch sein kann, die Realität zu erfassen. Absolute Wahrheit, so die Essenz seines Werkes, kann kein Mensch für sich beanspruchen. Was nicht bedeutet, dass es diese absolute, göttliche oder universelle Wahrheit nicht gibt. Und genau so gibt es zahlreiche Realitäten und Möglichkeiten. Aber nur für den, der Dinge in Frage stellt!
In diesem Sinne lässt John Strelecky in Life Safari den “jungen Jack” durch Ma Ma Gombe die Erfahrung machen, dass selbst der schönste Traum sehr schmerzhafte Realität sein kann, wenn man eine stachelige Palme umfasst. Aber dass eben deswegen auch unzählige Möglichkeiten bestehen, triste Realität (eines ungeliebten Jobs zum Beispiel) zu unglaublich bezaubernder Wirklichkeit werden zu lassen, wenn wir für uns die Entscheidung treffen, die Dinge entsprechend zu ändern:

Die Art, wie wir unser Leben leben, wie wir existieren, unsere Umgebung, was wir jeden Tag tun oder lassen. All das, junger Jack, ist so, wie wir es uns aussuchen. Alles kann unsere Realität sein – in dem Moment, wo wir unser Bewusstsein öffnen und erkennen, dass es genau so real ist und genau so eine Möglichkeit wie alles andere.”

Die Verantwortung dafür ob wir dies tun, und was wir unternehmen oder lassen, liegt bei uns. Stellen wir Dinge in Frage. Muss es so bleiben wie es war? Warum? Wie sollte es sein? Was braucht es, damit es so wird? Wer hat entsprechende Erfahrungen. Was hat dieser Wer getan oder gelassen? Diese Fragen sind spannender und produktiver als Zauderei und Depression über angebliche Realitäten!

Angeregt zu diesem Post hat mich das lesenswerte Feature Club Montaigne von Hilmar Klute aus der heutigen Süddeutschen Zeitung. Der Titel des Posts ist der Titel des Buches von Hans Stilett über Montaigne. Stilett gilt als einer der besten Kenner von Montaigne. Ein hörenswertes Gespräch mit ihm lief am 27.02.2009 im philosophischen Radio von WDR5.