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IHR HABT IMMER EINE WAHL!!!!!!!

2010 August 18
von John P. Strelecky
9783423209694

Der folgende Beitrag ist ein Gastbeitrag von John P. Strelecky:

Eigentlich war ich heute verabredet, mich mit einem Freund zu treffen. Aber um Viertel vor acht erhielt ich einen Anruf von seiner Assistentin, die den Termin absagte. Mein Freund muss sich um die Beerdigung seines fünfzehnjährigen Neffen kümmern. Der junge Mann hat sich gestern Nacht das Leben genommen. Ich hatte ihn erst ein paar Tage zuvor kennen gelernt.

Ich spüre Trauer und Wut gleichzeitig. Ich sollte das anders sehen, aber die Gefühle brechen aus mir heraus. Es will mir einfach nicht in den Kopf, warum wir weiterhin eine Kultur erzeugen, die Menschen unter einem permanenten Schleier der Selbsttäuschung hält, dass sie keine Alternativen mehr haben, keine andere Wahl.

Es ist schon schlimm genug, wenn Erwachsene so denken, was ich immer wieder am Rande meiner Vorträge erlebe. Das kümmert mich. Es ist der Grund, warum ich tue, was ich tue. Warum ich schreibe, was ich schreibe. In der Hoffnung, dass ich Ihnen behilflich sein kann zu erkennen, dass sie nicht in der Falle sitzen. Dass es Auswege aus dem Irrsinn gibt.

Irgendwie scheint diese Situation um ein vielfaches schlimmer. Der Junge war fünfzehn. FÜNFZEHN! Und war schon überzeugt, dass es keinen anderen Weg aus seiner gegenwärtigen Wirklichkeit gab, als seinem Leben ein Ende zu setzen. Er glaubte, keine andere Wahl zu haben.

Also, um euretwillen, zu seinem Gedächtnis und für denjenigen, der sich in Rufweite befinden kann, wenn ihr diese Zeilen laut lest. Hier kommt es: IHR HABT IMMER EINE WAHL!!!!!!!

Es ist mir klar, dass es nicht immer danach aussieht. Ich weiß, dass es sich manchmal anfühlt als gäbe es nichts anderes. Das hab’ ich kapiert. Bin selbst an dem Punkt gewesen. Ich habe es selbst erlebt. Aber es ist eine unechte Wahrheit. Es ist die bleibende Auswirkung einer Kultur, die uns glauben machen will, dass Glück und Zufriedenheit und Würdigkeit durch die coolste technische Neuheit, das neueste Sportwagenmodell oder irgendein anderes DING erlangt werden kann. Natürlich haben diese DINGE gar nichts damit zu tun, glücklich zu sein, erfüllt, zufrieden oder würdig!

Es ist eine Folge pausenloser und kalkulierter Verängstigungen, die euch täglich auf euch einprasseln: Wird deine Familie versorgt sein, wenn du unterversichert bleibst … Du könntest alles verlieren, wofür du gearbeitet hast … Was ist, wenn deine Rücklagen für den Ruhestand nicht ausreichen … Wenn deine Kleidung, deine Uhr, dein Duftwasser nicht den richtigen Markennamen tragen, bist du nichts besonders und bist es nicht wert …

Wir glauben, diese Dinge sind nur harmloser Krach inmitten des chaotischen Alltags der meisten Menschen.

Aber dann und wann bekommst du morgens um Viertel vor acht einen Anruf, und dir wird klar, dass mehr ist als harmloser Krach. Wenn wir nicht aufpassen, wird es das Fundament unserer Überzeugungen. Und da unsere Überzeugungen unsere Wirklichkeit diktieren, nimmt dieser “harmlose Krach” sehr reelle Formen an.

Wir beginnen, in diesem unnachlässigen Zustand der Angst und Sorge zu leben. Ich selbst zu sein, genügt nicht … Was ich besitze, ist zu wenig – egal wieviel es auch ist … Ich muss gut festhalten, was ich habe, denn wenn ich nicht aufpasse, wird mir irgendjemand alles nehmen, für das ich geschuftet habe … Meine Träume stelle ich besser hintan bis ich mir den Berg von Geld zusammengespart habe, der mich sicher durchbringt, wenn ich mit 65 in Rente gehe. Blöd nur, dass diese Zahl grad auf 67 erhöht wird, und dann auf 71 und danach 75. Und der Berg von Geld, der nötig ist, muss immer größer werden… und größer… und größer…

Meistens kann ich gelassen bleiben und ganz ruhig erklären, dass das Leben nicht so aussehen muss. Ich kann dann lächeln und Journalisten im Interview Beispiele erzählen. Davon, wie man Mini-Schritte tut und damit langsam aber sicher in einen neuen Daseinszustand wechselt. Aber heute bin ich wütend. Heute bin ich echt angepisst!

Weil es heute nicht darum geht, dass jemand eben ein Jahr länger in einem Job verbleibt, der ihn krank macht. Heute geht es nicht um jemand, der kämpft, dass das Geld bis zum Monatsende reicht, weil ihm vorgegaukelt wurde, dass er sich einen Lebensstandard leisten könnte, der weit jenseits seiner Möglichkeiten lag. Es geht nicht einmal darum, Eltern verstehen zu helfen, dass es nicht OK ist, 20 Überstunden pro Woche zu leisten, sondern dass sie die Zeit lieber sinnvoll mit ihren Kindern verbringen sollten.

Heute ist ein junger Bursche nicht mehr da. Nach nur 15 kurzen Jahren war er so überzeugt, dass das Leben nicht großartig und aufregend und voller Liebe und Abenteuer und Sinn sei, dass er sich sein Leben nahm. Und das ist einfach nicht in Ordnung.

Es schreit aus mir heraus, dass wir noch so viel tun müssen. Und ich trage mich ganz oben auf dieser “Wir”-Liste ein!

Erst gestern abend hab ich mir noch mal mein erstes Buch vorgenommen. Das Café am Rande der Welt. Und als ich es nochmals gelesen habe, kamen all’ die Gefühle zurück, die ich erlebte als ich das Buch schrieb.

Damals war ich gerade wieder zurück, nachdem ich mit weniger als 40 Dollar pro Tag ein Jahr lang um die Welt getrampt war. Ich hatte Freiheit erlebt, andere Kulturen kennen gelernt, beeindruckende Menschen getroffen. Ich hatte ein Jahr lang GELEBT! Nicht nur Pläne geschmiedet für später, Träume geträumt oder mir andere Realitäten gewünscht… Ich hatte GELEBT!

Und das hatte einen erheblichen Unterschied gemacht, denn bevor ich mich auf den Weg machte, war ich dabei, langsam zu sterben. Und fast jeder um mich herum wollte mir erzählen, dass “das Leben eben so ist“. Aber das war es nicht. Es ist es nicht!

Ich bitte euch heute, denkt immer daran, dass ihr die Wahl habt. Ich bitte euch, das Leben zu leben, wie ihr es leben wollt, anstatt nur eine blassen Abklatsch davon. Und ich flehe euch an, auch anderen zu helfen, vor allem jungen Menschen, dass sie genau dasselbe tun sollten!

  • http://mybig5.de Uwe Alschner

    Diesen Beitrag hatte ich mir ganz anders vorgestellt. Es sollte ein Fest werden, wenn John den ersten Gastbeitrag auf meinem Blog veröffentlicht. Dass es einmal soweit sein würde war mir klar. Aber dass der Anlass so traurig sein würde, dass uns nicht nach Feier zumute ist …

    Doch es war klar. Als John mich gestern abend informierte, sagte er mir, dass er den Beitrag, den er für How to be Rich and Happy geschrieben hatte, in möglichst vielen Sprachen veröffentlichen möchte. Schon da, war mir klar, dass der Text von mir übersetzt und hier veröffentlicht werden würde.

    Als ich den Text dann gelesen hatte, war ich sehr berührt. Der Text ist von großer Emotionalität und den Appell an uns alle, alles zu tun, dass wir nicht nur unsere eigenen Big Five for Life leben, sondern auch andere in unserer Nähe dazu ermuntern und inspirieren, habe ich gerne aufgenommen. Auch ich stehe auf der “Wir”-Liste!

    Update: John und Tim Brownson haben sich schliesslich gemeinsam entschieden, den Text auf Tims Blogzu veröffentlichen, was sehr viel mehr Leser hat.

  • http://Www.win-win-idee.de Wolfgang Engelbrecht

    Ich fühle mich nach dem Lesen dieses Gefühlsausbruches erleichtert! Zu gut kann ich verstehen was in einem bewusst lebendem Menschen nach diesem Erlebnis vorgeht. Ich habe mich dazu entschieden zu helfen wo es möglich ist. Jedem zu sagen “DU HAST DIE WAHL”, HINweise müssen wir als die Wissenden geben, es ist unsere Pflicht!! Und ich fühl mich gut dabei, weiß aber auch, ich kann nicht jeden retten. Jeder hat ein Recht auf sein Leben! Aber, die Wahl hat er trotzdem ;-)

  • Sandra Seidel

    Lieber Uwe,
    auch wenn der “Anlass”, der junge Mensch der hier Lücken hinterlässt, so unendlich traurig und erschreckend ist- so ist es doch ein “FEST”!
    Warum? Ich kann es Dir sagen, meine Ist-Situation ist gerade diese Tage Auslöser für viele dieser “falschen Gedanken” die oben beschrieben sind und diese waren damals bei meinem Vater auch so vorhanden- er hatte die gleiche “Lösung” gewählt- wie dieser traurige Junge Mensch ….
    Ich habe auch GEWÄHLT!! Und mich entschieden -die Kraft in mir wieder zu zu lassen, meinen Weg zu gehen -Schritt für Schritt- manchmal eben auch ein paar zurück, um Anlauf zu nehmen..das bin ich vor allem mir, dem Leben, meiner Tochter und allen Menschen, denen ich einen Impuls geben kann “schuldig”!
    Und so wird es zum FEST-> es gibt viele Menschen, die gerade so fühlen und sicher viele die vielleicht unaufmerksam neben solchen Menschen leben,dieser Beitrag ist ein Impuls für beide: JA ZUM LEBEN- JA ZUM AUFMERKSAMEN MIT-und FÜREINANDER!! Grund zu feiern jeden Tag!!
    Herzliche Grüsse
    Sandra

  • Pingback: Juergen Hollmann

  • http://www.etwasbewegen.com Christian

    Ja wir haben immer eine Wahl. Nur manchmal sind halt die Geschichten, die uns unser liebevoller Verstand verkaufen möchte, so laut, dass wir meinen sie seien war und richtig. Und wenn der liebevolle Verstand eines Fünzehnjährigen feststellt, dass es wirklich nun besser sei zu sterben, weil er ja nichts anderes mehr tun kann, dann ist das eine Tragödie. Der Verstand versucht die “Umstände” oder die “Realität” zu verstehen und dann auch logisch zu erklären. Und diese Erklärung kommt in Form einer Geschichte, die sich im Kopf festsetzen kann wie ein Virus. Diese Geschichte einmal bewusst ins Gegenteil umkehren, den Blick über den Tellerrand und aus der Ausweglosigkeit heraus wagen, und schon ist der erste Schritt gemacht. Dann ist sie wieder da: Die Möglichkeit der Wahl.
    Wenn so ein junger Mensch aber nur eine Möglichkeit sieht, hat er dann auch eine Wahl? Nein, leider nicht. Und so bleibt es bei einer Tragödie … einer schlimmen Tragödie.
    Da draußen sind unzählige Menschen, die mit den Virus der Ausweglosigkeit befallen sind. Sie haben keine Wahl, weil sie die Alternative nicht erkennen. Ihre Geschichte lässt keine Alternativen zu. Außenstehende haben vielleicht einen besseren Überblick und verstehen dann diesen Menschen nicht oder sein Handeln. Jeder hat immer eine Wahl und oft sehen wir sie nicht. Wir haben aber alle die Pflicht vorzuleben, dass wir immer eine Wahl haben. So können wir dann auch junge Menschen dazu insperieren nach dem Gegenteil (ihres Leids) zu schauen, über den Tellerrand zu blicken und Alternativen zuzulassen.

    Also los!

  • Pingback: Tobias Würtz

  • Sigrid Veith

    Auch ich habe versucht einem Menschen durch Gespräche davon abzubringen,
    ihm das Gefühl zugeben für ihn da zu sein.
    Leider ist es mir nicht gelungen.
    Es versucht zuhaben ist der einzige Trost.

  • http://mybig5.de Uwe Alschner

    Hallo Sigrid, es tut mir sehr leid, dass Sie dieses traurige Erlebnis hatten. Kennen Sie die »Safari des Lebens« von John Strelecky? Dort unterhalten sich Jack und Ma Ma Gombe über ähnlich existenzielle Situationen. Ma Ma Gombe wurde von ihrem Mann so schwer misshandelt, dass sie ihr Kind verlor. Jack kann nicht verstehen, warum sie keinen Hass für diesen Gewalttäter empfindet. Sie erzählt ihm dann, wie sie damals gelernt hat, zu verstehen worum es geht: Wir sind auf dieser Welt, um unseren Zweck der Existenz zu erfüllen und unsere Big Five for Life zu erfüllen. Wie in einem Bühnenstück. Und damit es “realistisch wirkt” braucht es Schauspieler, die eine Rolle authentisch ausfüllen. Dinge geschehen nicht um ihrer selbst willen, sondern damit sie unserem Stück einen Sinn geben. Und diese Ereignisse und alles, was die “Schauspieler” sagen, ist Teil unseres Dramas. Und wir selbst führen die Regie in diesem Stück. Wir haben immer die Wahl! Die Wahl, welche Lektion wir aus diesen Ereignissen mitnehmen.
    Natürlich ist es schwer, einen Menschen zu verlieren. Doch wenn man es wie Ma Ma Gombe sieht, dass auch diese Menschen eine Rolle in unserem Bühnenstück spielen, damit es für uns einen Sinn ergibt, kommt es nicht darauf an, ob wir Verantwortung dafür tragen, dass jemand entschieden hat, wann sein Leben endet. Es kommt darauf an, dass wir Verantwortung für unser Leben tragen! Dafür, ob wir uns nur deshalb, weil manche Menschen sich entschliessen, ihre Big Five for Life nicht zu leben, darauf verzichten, unsere Big Five for Life zu erfüllen und uns der Schönheit des Lebens zuzuwenden.
    Können Sie sich vorstellen, dass auch Ihr Leben ein solches Stück ist, in dem Sie die Regie führen? Wenn Sie sich sogar vorstellen können, dass es, wie Ma Ma Gombe in der Safari sagt, ein “Vorher” und ein “Nachher” gibt, und das “Jetzt” nur eine Art Schule ist, in der wir uns selbst weiter entwickeln und besser werden können, können Sie sich vielleicht auch vorstellen, dass jener Schauspieler, der die Rolle desjenigen spielte, welcher nicht hörte, dann im “Nachher” auf Sie wartet und sich freut, dass Sie diese Herausforderung angenommen und bewältigt haben?
    Ich wünsche es Ihnen!