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28484 Tage – Big Five for Life, der Tod und das Leben

2013 Juli 24
von Uwe Alschner

AbschiedDer Tod ist ein Thema, welches in unserer Gesellschaft ziemlich an der Rand gedrückt wird. Über den Tod spricht man nicht gerne. Dass eine Tabuisierung des Todes problematisch sein kann, wird vielfach nicht gesehen. In diesem Blog habe in an verschiedenen Stellen über das Thema geschrieben. Selten war der Anlass ein so persönlicher, wie jener für den heutigen Beitrag: mein Vater ist gestorben.
Natürlich ist es ein schockierender Schmerz, wenn die Nachricht kommt, die man eingedenk der vielen schönen miteinander verbachten Momente eigentlich nie erhalten möchte. Bei mir war das nicht anders. Bitte nicht, habe ich gedacht, als der Anruf meiner Mutter kam. Doch es war so. Mein Vater lebt nicht mehr.

Warum berichte ich hier über ein so persönliches Ereignis? Weil ich glaube, dass es hilfreich sein kann. Sowohl für mich persönlich, als auch für andere, die sich mit dem Verlust eines nahen, geliebten Menschen konfrontiert sehen. Und weil es ein Big-Five-for-Life-Thema ist. Statistisch betrachtet, so heisst es in der Erzählung von Thomas Derale, hat jeder Mensch eine Lebenserwartung von 28.200 Tagen. Hoffentlich mehr, manchmal sind es weniger. Wir wissen nicht, wann die Stunde naht, in der sich ein Leben zuende neigt. Bei meinem Vater waren es genau 28.484 Tage, also ziemlich genau 78 Jahre. Er hatte, gemessen an den Erfolgen, die er als langjähriger Jugendsportleiter mit Generationen von Schützlingen erreichen durfte, ein erfülltes Leben. Für uns, die er “auf dem wunderbaren Spielplatz, der uns hier gegeben ist” (Ma Ma Gombe in der Safari des Lebens), zurücklässt, hätte es noch viel länger dauern dürfen. Doch es lag nicht in unserem Ermessen.
Wenn ich mir das Big Five for Life Konzept zu Herzen nehme, dann liegt es an mir, was ich aus dem mache, das mir widerfährt. Nichts geschieht ohne Grund, so heisst es, und so schmerzhaft es ist, die Nachricht zu empfangen, so sinnlos ist es, den Grund für den Zeitpunkt zu suchen. Warum jetzt? ist also keine Frage, die mich weiterbringt. Es sei denn, ich betrachte sie vom anderen Ende: Warum geschieht dies mir?
Für mich ist der Tod meines Vaters ein Anlass, mit Dankbarkeit auf die Zeit zu schauen, die uns gemeinsam vergönnt war. Diese Zeit war mit etwa 17500 Tagen länger als bei vielen anderen Vätern und Söhnen. Und dafür bin ich dankbar!
Es ist darüber hinaus ein Anlass für mich, darauf zu achten, dass wenn ich jene 17500 Tage von der statistischen Richtgröße 28200 abziehe, nur noch ein knapp fünfstelliges Ergebnis bleibt: Mein Vater ist also auch ein Schauspieler im Stück meines Lebens (Ma Ma Gombe). Er hat mir geholfen, viele Dinge zu verstehen, die für die Entdeckung und Erfüllung meiner Big Five for Life wichtig waren. Auch dafür bin ich dankbar! Selbst mit seinem Tod spielt er noch eine wichtige Rolle: Er mahnt mich, jeden Tag bewusst zu leben! Ist das, was morgen in meinem Kalender steht, wirklich wichtig? Gibt es eine Verbindung zwischen dem, was ich im Begriff bin zu tun, und dem, was wirklich zählt in meinem Leben? Wenn nein, dann gibt es wenig Grund, dieses fortzusetzen, aber allen Grund, etwas zu tun, was mit der Erfüllung meiner Big Five for Life zusammenhängt. Denn: wir wissen nicht, wann die Stunde naht, an der sich ein Leben zuende neigt. Auch nicht unser eigenes. Daran erinnert mich der Tod meines Vaters ebenfalls.
Mancher mag nicht verstehen, was ich hier schreibe, mag das rechte Maß an Trauer vermissen. Doch nicht für diesen sind diese Zeilen geschrieben. Ich schreibe sie für mich und für jene, denen diese Zeilen etwas geben.
Überhaupt ist Trauer ein sehr unspezifischer Begriff. Ähnlich wie Erfolg. Jeder Mensch trauert anders. Meine Trauerarbeit geht auch über diesen Beitrag. Sie geht über den Weg des Bewusstseins. Sie geht sicher nicht den Weg, den man gehen muss. Welcher wäre das?
Für unsere Familie ist der Zusammenhalt in der Situation wichtig, wie wahrscheinlich für jede andere Familie auch. Doch Zusammenhalt ist vor allem eine Frage der inneren Verbundenheit, des gegenseitigen Verständnisses. Meine Mutter, meine Brüder, unsere Kinder. Jeder hat seinen eigenen Weg, Abschied zu nehmen und zu trauern. Für mich persönlich ist ohnehin Abschied nur ein physischer Begriff. Ich verabschiede mich, wenn ich an einen anderen Ort gehe, und bleibe doch innerlich, geistig verbunden.
Ich habe meinen Zweck der Existenz gefunden, bevor ich die Bücher von John Strelecky kennen lernte, und ohne, dass ich ihn so genannt hätte. Aber es war mein ZDE, den ich durch ein Bild gefunden habe, welches von Willigis Jäger stammt, der die Schöpfung so beschreibt:

Dieses Leben ist eine einmalige, unverwechselbare Note in der Symphonie der Schöpfung. Jeder Ort, jeder Augenblick, jedes Wesen ist eine ganz bestimmte Note, die je für sich unverzichtbar für das Ganze ist, auch wenn sie im nächsten Augenblick durch eine andere Note abgelöst wird. Alle Noten machen das Ganze aus, alle Noten sind das Ganze – und das, was die Ganzheit des Ganzen ausmacht, ist Gott, der als dieses Ganze erklingt. Aus dieser „Symphonie Gott“ kann nichts herausfallen. Die Note wird verklingen, aber die Musik (…) geht zeitlos weiter.

Willigis Jäger ist ein Benediktinermönch, und so ist dieses Zitat, in dem Gott eine Rolle spielt. Doch es ist ein Zitat, was Spiritualität weiter fasst. Pater Willigis ist nämlich auch ein Zen-Meister und als solcher vertraut auch mit östlichen Formen der Spiritualität. Es geht hier nicht um eine Frage konfessioneller Gläubigkeit. In diesem Bild ist die Erklärung angelegt, weshalb ich den Tod meines Vaters nicht als Trennung und Endgültigkeit verstehe. Er ist weiter bei mir, nicht nur in meinen Gedanken. Er ist nur an einem anderen Ort. Und von dort erinnert er mich, dass ich hier bin, um das zu tun, was wirklich zählt. Jeden Tag.

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  • Karin Hauer

    Danke Uwe, deine Zeilen sind sehr berührend und: mir geben sie etwas.

    Obwohl ich das Glück habe, dass meine Eltern noch auf diesem wunderbaren Spielplatz weilen, bin ich mir der 28.200 Tage sehr bewusst, die meine Eltern bereits vor einiger Zeit überschritten haben. Und wie du so schön schreibst wir wissen nicht, wann die Stunde naht, an der sich ein Leben zu Ende
    neigt. Auch nicht unser eigenes.

    Ich klammere den Tod nicht aus, die Auseinandersetzung damit gehört schon seit vielen Jahren zu meinem Leben. Wie du weißt habe ich über 10 Jahre auf einer Kinderintensivstation gearbeitet und auch meine „Vorlesestunden“ im Hospiz lassen mich immer wieder darüber nachdenken, ob das was ich im Begriff bin zu tun, das ist, was wirklich zählt in meinem Leben.

    Viele, zu viele, die gehen, beklagen am Ende ihre Zeit nicht optimal genutzt zu haben. Und viele Trauernde bedauern, dass sie zu wenig sinnhafte Zeit mit dem Menschen der gegangen ist verbracht haben. Nicht Anwesenheit zählt,
    sondern der aufmerksame und interessierte Austausch, das Mitfühlen.

    Auch wenn wir lernen wollen, zufrieden und ohne Reue von geliebten Menschen Abschied zu nehmen und selbst so zu gehen, hilft das Wissen um das was wirklich zählt in unserem Leben und was unser ZDE ist.
    Das herauszufinden unterstützt Johns Konzept der Big Five for Life. Ich habe es selbst erfahren.
    Mein erstes und wichtigstes Big Five for Life, das ich mir erarbeitet habe, ist ein liebevoller und wertschätzender Umgang mit allen Menschen, die mein Leben teilen. Dazu gehört auch ihnen Zeit zu widmen und zuzuhören.

    Ich wünsche dir und deiner Familie, dass jeder die Kraft hat seinen Weg des Abschieds und der Trauer zu gehen, damit zwar die Note verklingt, aber die Musik zeitlos weitergeht (welch schöner Gedanke von Willigis Jäger). Ich bin mir sicher du wirst sie vor allem dann hören, wenn du sie besonders brauchst.

    Eine Umarmung und herzliche Grüße, Karin

  • Iris Güniker

    Sehr schöne und wichtige Worte. Auch der Kommentat von Karin, um immer wieder daran zu erinnen, was wirklich im Leben zählt und das Leben und die Zeit mit mir nahen Menschen jetzt zu genießen. Nur heute und jetzt ist die Zeit um wirklich glücklich zu sein. Es gilt nur, sich immer wieder zu erinnern … Danke