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Aus der Traum – warum?

2012 Oktober 2
von Uwe Alschner

Start with Why

Simon Sinek, »Start with Why«

Die Süddeutsche Zeitung widmet ihren nach dem Streiflicht wohl bekanntesten redaktionellen Teil heute einer Geschichte über die Schattenseiten des Erfolgs von Kreativen in Berlin. “Aus der Traum” lautet die Überschrift über die “Seite Drei” von Constanze von Bullion. Ein Stück, was mich sehr nachdenklich gemacht hat. Es ist ein Stück über Altersarmut und das Scheitern von Lebensträumen von Menschen, die ihrer ganz persönlichen Definition von Erfolg, ihrer kreativen Leidenschaft nachgegangen sind. “Erfolg, wie du Erfolg definierst” lautet eine Umschreibung der Big Five for Life. Ist der Artikel in der Süddeutschen eine Warnung vor dem Fokus auf das, was wirklich zählt im Leben, wie es im Untertitel des Buches von John Strelecky heißt?
Nein, aber schlecht ist der Artikel deswegen noch lange nicht!

Nichts geschieht ohne Grund. Wer diese Erkenntnis ignoriert, verpasst die Chancen, aus seinen Erfahrungen zu lernen. Aus unangenehmen Erfahrungen lernen wir schnell, denn sie sind ja un-angenehm. So bemerken wir, dass etwas nicht unseren Erwartungen entspricht und können rekapitulieren, was schief gelaufen ist. Wir können Korrekturen vornehmen und damit die Chance auf den Erfolg beim nächsten Anlauf verbessern.
Was aber, wenn der Erfolg selbst das Problem ist? So wie bei den Protagonisten im SZ-Artikel, die jahre- und jahrzehntelang Erfolg gehabt haben, und erst viel später erkennen, dass nicht alles Gold ist was glänzt. Dass man unverkaufte Kunstwerke nicht essen kann oder dass die persönliche Leidenschaft sprichwörtlich Leiden schafft und krank macht. Was erst mit jahrelanger Verzögerung zutage tritt? Spricht dies nicht dafür, sich lieber seine Träume aus dem Kopf zu schlagen und “kleine Brötchen zu backen”?
Wer so denkt und den Ermunterungen zur Selbstverwirklichung und persönlichem Wachstum, wie sie selbstverständlich auch im Big Five for Life Konzept enthalten sind, skeptisch gegenüber steht, hat einen entscheidenden Punkt übersehen:
Nicht alles, was von Außen als Erfolgreich angesehen wird, ist tatsächlich ein Erfolg im Sinne nachhaltiger – und reueloser – Erfüllung. Deswegen ist es so wichtig herauszufinden, was wirklich zählt im Leben. Und warum!
Simon Sinek beschreibt es in seinem Buch Start with Why so: zu oft wird Erfolg gleichgesetzt mit dem Was geleistet wurde. Manchmal ist es auch das Wie, dass uns als wesentlich für den Erfolg erscheint. Wirklicher Erfolg jedoch kennt sein Warum! Und genaus diesen Umstand lassen die meisten Menschen außer Acht. Selbst jene, die anfangs wissen, warum sie eine erfolgreiche Sache begonnen haben, verlieren manchmal den Bezug zum Kern dessen, was wirklich zählt. Warum es zählt, ist manchmal unklar geblieben, oder durch Umstände des Erfolges selbst – Ruhm, Anerkennung, Sucht – unklar geworden.
Doch es ist immer da. Tief im limbischen System des Gehirns verankert, wo Gefühle und Wertvorstellungen angesiedelt sind, spüren wir, dass etwas wirklich zählt.
Zum Beispiel bei jenem Künstler, der seine künstlerische Freiheit um den Preis materieller Abhängigkeit verfolgt hat und heute erkennt, dass er eigentlich nach Unabhängigkeit strebt – auch materiell. Möglicherweise ist eben jener materielle Teil der Unabhängigkeit verloren gegangen oder war von vornherein nicht erkannt worden. Das kann geschehen, wenn ein vermeintlicher Antrieb, das Streben nach künstlerischer Freiheit nicht hinterfragt wird.
Im Big Five for Life Konzept erfolgt das durch die Frage “Warum? Was ist mir daran so wichtig?”. Auch die Antwort darauf wird hinterfragt, bis alle möglichen Antworten auf dem Tisch liegen. Jene Sammlung von Antworten wird schliesslich emotional abgeklopft und auf Resonanz mit dem limbischen System überprüft. Dann erst fühlen wir, was wirklich zählt in unserem Leben, und warum! Erfolgt dieser Abgleich nicht, kann es passieren, dass eine
Rational mögliche Antwort zum Zweck unserer Bestrebungen wird, die wie etwa das Mittel der künstlerischen Freiheit im Ausdruck nicht mehr als ein WIE für unser WARUM ist.
Selbst wenn wir einmal wissen (ein Paradoxon, denn wissen können wir es nicht, wohl aber fühlen), was (für uns) zählt, ist es nicht getan. Es erfordert permanente Aufmerksamkeit und Überprüfung. Warum tue ich, was ich tue? Bringt es Erfüllung für mich? Selbst das Warum kann sich ändern, etwa wenn sich Wertvorstellungen ändern. Wahrscheinlicher ist es jedoch, dass Dinge, die wir unternehmen (oder unterlassen), um ein Warum zu erfüllen mit der Zeit zum Selbstzweck werden. Das Warum wird durch “Erfolge” unklarer und verschwindet manchmal ganz. Es ist offensichtlich, dass solche Erfolge keine wahren Erfolge sind. Aber sie sind zunächst angenehm, weil sie beispielsweise von Beifall und Anerkennung verbunden sind. Und dann hinterfragen wir sie nicht. Wir lernen nicht aus ihnen. Scheitert dann ein Vorhaben, wird schnell davon gesprochen, dass der Traum nun ausgeträumt sei. Dabei hatte er nie wirklich begonnen.
Warum?