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It’s the Economy, Stupid!

2012 Juli 21

Samstags gehört Vati mir. Dieser Satz ist Slogan einer Kampagne der Gewerkschaftsbewegung für die Fünf-Tage-Woche gewesen. Sie stammt aus einer Zeit, in der es üblich war, sechs von sieben Wochentagen als Werktage zu nutzen. Arbeitgeber verlangten, dass Mitarbeiter ihre Arbeitskraft auch am Sonnabend in den Dienst der Firma stellten. Das Wirtschaftswunder und Entwicklungen in anderen Ländern veranlassten die Arbeitnehmervertreter dazu, mehr Freizeit für die Beschäftigten zu fordern. Der Rest ist Geschichte: die 40-Stunden-Woche wurde eingeführt und mit ihr die 5-Tage-Woche. Als Kind der 60er bin ich Nutzniesser dieser Entwicklung und habe mein Wochenende stets Freitags eingeläutet. Zur Samstags-Routine gehört traditionell ein Wochenmarktbesuch mit meinen Kindern.

Anschliessend sitzen wir häufig bei einer Tasse Kaffee oder Kakao im Straßencafé. Ein Artikel mit dem provokanten Titel Top Weicheier in der Wochenzeitung DIE ZEIT bestimmte heute unsere Diskussion.
Aufgefallen war mir der Artikel wegen seines viel versprechenden Untertitels:

“Die Chefs von morgen wollen nicht alles der Arbeit unterordnen”.

Der Beitrag handelte also vom Mentalitätswandel in der Führungsetage von morgen. Anders als noch bei der Kampagne für die Fünf-Tage-Woche gibt es inzwischen eine breite Bewegung unter Nachwuchskräften, die ebenfalls nicht mehr nur Arbeit und Karriere im Sinn haben. Kommt Ihnen das bekannt vor, liebe Freunde der Big Five for Life?
Mir hat dieser Aufhänger jedenfalls gefallen und auch der Tenor, wonach sich sie Chefs von heute in ihrem Bemühen um die Top-Dogsumstellen müssen. Sie müssen sich heute schon umstellen, um jene neuen Leader von morgen zu gewinnen, die sich eben nicht mehr wegen Geld und Dienstwagen für einen Job entscheiden, sondern für die anderes wichtig ist. Vereinbarkeit von Familie und Beruf wäre eine zu enge Formulierung, die zudem zu stark auf die Situation junger Working Mums gemünzt worden ist. Persönliche Erfüllung jenseits des Beruflichen wäre zutreffender. Der Autor beschrieb unmissverständlich den sich vollziehenden Wandel in der Wirtschaft hin zu einem ganzheitlichen Führungskonzept wie es die Big Five for Life Konzeption beinhaltet. Motivation und Effizienz sind demnach keine bloße Funktion von materieller Belohnung und organisatorischem Druck, sondern die Konsequenz eines Führungsprinzips, welches den Menschen als ganzes versteht und anspricht. Das, was wirklich zählt im Leben, ist der Schlüssel auch zu wirtschaftlichem Erfolg. Das haben die Führungskräfte von morgen verstanden.
Und der ZEIT-Autor Thomas Kerstan hatte es scheinbar auch verstanden. Dachte ich, bis ich den letzten Satz des Artikels las.
Dort bekennt Kerstan, dass er nicht versteht, welche Entwicklung tatsächlich stattfindet. Er schreibt:

“Mulmig wird einem allerdings, bei der Vorstellung, dass die weichgespülten Top-Dogs eines Tages selber Chef sind. (…) Und dann entscheiden sie darüber, ob 2000 Menschen entlassen werden sollen, oder nicht.”

Kerstan, so diskutiere ich mit meinen Kindern, beschreibt eine Veränderung in der Mentalität der Führungskräfte in der Wirtschaft, die heute solche Nachrichten kennt: 2000 Mitarbeiter werden entlassen. Auch weil die Wirtschaft heute diese Nachrichten kennt, verändert sich die Mentalität der Nachwuchs-Führungskräfte. Gas geben und produzieren alleine ist kein Selbstzweck mehr. Warum sollte es problematisch sein, dass strategische Entscheidungen von Führungskräfte getroffen werden, die persönlich keinen Sinn in ausschliesslicher Fokussierung auf kurzfristige Unternehmensperformance sehen? Führungskräfte, die wissen oder zumindest ahnen, dass Innovationsfähigkeit und Markterfolg auch von der Motivation und Erfüllung aller Beteiligten abhängen?
Und warum sollte das, was die Wirtschaft unter bisherigen Führungsprinzipien nicht vermeiden kann, warum sollten Massenentlassungen auch die Folge einer Wirtschaft sein, deren Führungskräfte sich grundsätzlich anders zum Verhältnis von Arbeit und Privatleben stellen?
Es ist die Art, wie Wirtschaft organisiert und orientiert ist, die über ihren Erfolg in hohem Maße mitentscheidet. Das hat die ZEIT noch nicht verstanden. Meine Kinder schon.