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Fußmarsch nach Liechtenstein / Etappe 3 oder, wie man der Angst ins Auge schaut

2011 Juni 25
von Friederike Seiffert

Ankunft im AllgäuAm 22. Juni 2011 setzten wir unseren Fußmarsch nach Liechtenstein fort. Morgens saß ich über google maps und studierte die Wege im Luftbild. Vor uns lag wirklich eine sehr große Herausforderung. Fast 13 km, fast nur Wald und keine Zivilisation. So weit wie der tägliche Schulweg meiner Kinder. Und würde meine Tochter das schaffen, zart und 6 jährig, wie sie ist?
Mich überkam eine unglaubliche Angst. Wie ein Flash. Zittern. Mir wurde heiß und kalt. Ganz ähnlich, wie diese Angst, die ich plötzlich empfand, als ich im April meine Big 5 for Life via Email an Freunde und Bekannte verschickte. Und so erinnerte ich mich an die Worte von Uwe Alschner: Die Angst ist gut. Akzeptiere sie. Sie zeigt, das sich etwas bewegt.
“O.k., Angst – komm nur! Wir wollen weiter. Wir sind zu dritt und wir sind stärker als Du!” Ich setzte einen Anker. Ich rief einen Freund an und bat ihn um Rettung, falls wir nicht aus dem Wald wieder herauskommen würden. Nun war ich ruhiger aber nicht angstfrei (auch wenn ich im Wald feststellen musste, dass die theoretische Rettung nur sehr schwierig geworden wäre, denn das Handy hatte natürlich keinen Empfang). Als meine Kinder aufwachten, spürten sie die Angst sofort. Ich erntete nicht mehr als die chorische Äusserung: “Mama, wir schaffen das!” Na klar – hatte ich fast vergessen: es ist die Ausrichtung auf das Ziel!
11.20 Uhr. Wir starteten unsere Wanderung bei größter Hitze und Schwüle. Meine Tochter wurde sofort ganz rot im Gesicht. “Ob wir das schaffen?” Seltsam. Es war nicht mehr das “Wie schaffen wir das” sondern ein “ob”. Und meine innere Stimme sagte mir: “Na klar, wir schaffen das”. So marschierten wir also guter Dinge in den kühlenden Wald.
Wiewohl ich morgens noch Wege herausgesucht hatte, folge ich viel lieber meiner Intuition. Es war mein Sohn, der mich bestärkte: “Wenn Du lieber querfeldein läufst, dann sollten wir jetzt damit beginnen”. Gesagt getan, Kompass raus und …. bald waren wir mitten im Gestrüpp, sumpfiger Weg, Dornen, Kratzer… und aufatmen, denn es kam nach einer Weile genau der Weg, den ich morgens herausgesucht hatte. Aber immerhin – wir hatten abgekürzt. Mit emotionalen Auf- und Abs erreichten wir eine Hütte und machten in ihrem Schatten Brotzeit.
Übertragen auf die Big 5 – was konnte ich soweit lernen? Man kann einen sicheren Weg zur Erfüllung der Big 5 wählen. Der ist aber vielleicht nicht der, den man innerlich als wohltuend empfindet. Man kann, anders, der Intuition folgend Abkürzungen wählen. Mit Wohlfühleffekt. Doch unter Umständen gibt es auf diesem Weg Hindernisse, die auftauchen. Doch mit dem Ziel der Big 5 vor Augen, wird auch dieser Teil des Weges ein guter sein.
Ab hier liefen wir für eine gute Weile mitten durch ein Gewitter. Ca. 5 km hinter uns und ca. 8 km vor uns. Neben uns tauchte nicht nur ein Baum auf, in den irgendwann der Blitz gefahren ist. “Na Prost Mahlzeit”! Ich selbst hatte die Wahl zwischen Angst und …? Da fiel mir ein, dass es immer eine Frage der Ausrichtung ist, was in unser Leben tritt. Ich bat meine Kinder sich gemeinsam mit mir vorzustellen, dass wir durch schönsten Sonnenschein laufen. Keine 15 Minuten später gingen wir durch Sonnenschein, das Gewitter recht lange knapp neben uns, bis es uns ganz verließ. Zufall?
Wir gingen mittlerweile auf einer Verbindungsstraße, die den Denklinger Rotwald vom Sachsenrieder Rotwald trennte. Letzterer sah schon im Luftbild undurchdringbar aus, weil kaum ausgebaute Waldwege vorhanden. Und schon gar nicht in unserer Richtung. Wir hatten wieder die Wahl. Sichere Straße oder Abkürzung. Mein Sohn plädierte für Abkürzung. Wir stärkten uns an einer Quelle, die bereits Reisende vor 2000 Jahren auf der Via Claudia Augusta gespeist hatte.
Schnell merkten wir, dass der eingeschlagene Weg viel zu südlich verlief. Der Kompass gab uns nurmehr einen ungefähren Anhaltspunkt, denn wir wussten schon lange nicht mehr, an welcher Position wir uns befanden. Und fortan entsprach der lange vor uns liegende Weg dem Weg von Hänsel und Gretel. Wir hatten gar keine Orientierung. So kann es auch mit den Big 5 gehen. Man befindet sich auf dem Weg. Das Ziel vor Augen. Aber es mischt sich ein Gefühl von Unbehagen ein, da Du die Orientierung verloren hast. Wo auf Deinem Lebensweg, Deinem Big 5 -Weg befindest Du Dich? Macht der eingeschlagene Weg Sinn? Gibt es Orientierungspunkte? Und klar, das einzige, was jetzt hilft, ist: Die Ausrichtung auf das Ziel!
Es gErholsames Spiel nach stundenlangem Fußmarsching bergauf, bergab. Deutlich zu merken, daß wir uns Richtung Allgäu bewegten. Durch Dornen und Brennesseln, durch Sumpf und auf Wegen, die plötzlich aufhörten, die ersten Zecken im Anmarsch. Zwischendurch eine erneute Pause: den Moment genießen – Vögel zwitschern, Gewittergrollen im Hintergrund, der Wind in den Bäumen.
Na klar, die Sonne! Wir müssen die Richtung knapp neben dem Sonnenstand wählen. Und dann nach 6 Stunden – plötzliche Anzeichen menschlicher Zivilisation. Ein Kind kam uns entgegengelaufen. Menschenstimmen! Ich hätte die Welt umarmen können! Die jungen Leute konnten uns nicht wirklich helfen, aber weit konnte das Ziel nicht mehr sein. Und plötzlich sahen wir Felder – in der Ferne. Nach 7 Stunden Fußmarsch spielten meine Kinder am Bach – voller Freude und Ausgelassenheit. Wo wir aus dem Wald heraustraten hatten wir wieder die Wahl – wir orientierten uns nach rechts, doch das Universum schickte uns eine Herde Kühe, die im Schnelltempo auf uns zu liefen. Also – nach links! Ein Hof und eine Frage: Wo liegt Ödwang? 300 bis 400 Meter nach links! Und da: Dicke schwarze Wolken, die ersten fetten Regentropfen, Rennen, das Ortsschild! Wir haben es geschafft!! ….und das zweite Auto hält an. Ein sehr netter Familienvater bringt uns selbstverständlich nach Denklingen zurück. Es gießt aus vollen Kannen. Und wir haben eine Einladung. Das nächste mal in Ödwang doch unbedingt vorbeizukommen….
Manchmal ist das Leben kein einfacher Pfad [...]. Aber das bedeutet nicht, dass wir aufhören sollten, uns vorwärtszubewegen. Mit jedem Schritt nach vorne werden wir stärker, und wir werden schwächer, wenn wir uns überhaupt nicht von der Stelle rühren.” Mama Gombe in “Safari des Lebens” von John Strelecky