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Ein Fußmarsch nach Liechtenstein oder, was wir von unseren Kindern lernen können

2011 Juni 21

Nach dem Discovery-Seminar in München im März 2011 war mir klar, dass ich mindestens in einem meiner Big 5 meine Kinder würde hervorragend einbinden können. So entschlossen wir uns zu einem gemeinsamen Projekt: Zu Fuß von Oberbayern nach Liechtenstein. Das ganze in Etappen und der Fortschritt ganz nach unseren persönlichen Bedürfnissen.
Mein Sohn ist 11 und meine Tochter 6 Jahre alt. Insofern schon eine Herausforderung, da die körperlichen Voraussetzungen in diesem Alter schon noch sehr unterschiedlich sind.
Die wesentliche Vorbereitung übernahm mein Sohn, abends im Bett: er studierte eine Landkarte und legte die Route fest. Ansonsten benötigen wir soweit nicht mehr als gutes Schuhwerk, Wasser und eine anständige Brotzeit.

Wir starteten kurz vor Pfingsten zur ersten und einzigen Ausnahme-Etappe. Durch den eigenen Landkreis wollten wir schnell vorankommen und nahmen daher das Fahrrad. In den Pfingstferien, so unser Anliegen, wollen wir mindestens bis nach “Ödwang” / Landkreis Ostallgäu kommen.

Was nun kann ich auf dieser Tour von meinen Kindern lernen?
Sehr viel, und vor allem über die Big Five for Life.

Unsere erste Etappe (22 km) nach Stadl / Landkreis Landsberg am Lech führte uns bereits wenige Kilometer nach unserem Heimatort mitten durch eine Moorlandschaft und durch einen Urwald. Fahrrad schieben war angesagt. Der Untergrund moorig, durch hohes Gras, kaum ein Weg zu sehen …. und plötzlich liefen die Tränen. Mein Sohn fluchte – nie würden wir heute in Stadl ankommen. Wie sollen wir das schaffen? Meine Tochter schob unter Tränen, bald blieb sie stehen, bald ließ sie sich fallen, bald schob sie weiter. Immer im Wechsel. Ich war von wütenden und verzweifelten Kindern umgeben. Wäre es nach ihnen gegangen, hätten wir längst umgedreht. Die klassische “Wie-schaff-ich-das-Krankheit” hatte meine Kinder fest im Griff.

Gefühlte sehr lange Zeit hat es gedauert, bis wir wieder auf einem normalen Weg waren. Einen Kompass hatten wir nicht dabei. Wieso auch, wir wussten ja so ungefähr wo wir hinwollten. Und meine und die Intuition meines Sohnes hatte uns nicht verlassen. Wir kamen genau an der Stelle heraus, die wir uns vorgenommen hatten. Und plötzlich umgab uns ein Gefühl der Befreiung. Von da ab ging alles ziemlich leicht. So war die Brotzeit auf der Hälfte der Strecke eine wahrhaftig verdiente.

Doch nicht genug damit. Genau auf unserem Weg vor uns – und nirgends sonst um uns herum – tobte ein heftiges Gewitter. Wir fuhren nach Westen, das heißt also immer dem Gewitter entgegen.
Übertragen auf die Big 5 eine heftige Bedrohung, Gefahr, eine Prüfung durch das Universum, ob wir auch wirklich weitermachen wollten. Meinen Sohn hatte bereits wieder die “Wie-schaff-ich-das-Krankheit” eingeholt. Meine Tochter – mit 6 Jahren dem Universum noch näher verbunden – vertraute auf einen guten Ausgang. Fortan stellten wir uns die Frage, nicht “wie” wir es schaffen könnten, sondern “wer oder was” uns im Zweifelsfall helfen könnte. Und plötzlich war klar – das große Ziel Stadl immer vor Augen – dass wir uns von Ortschaft zu Ortschaft voran bewegen. Im Zweifel gibt es dort immer ein Wirtshaus, eine Bushaltestelle, eine Kapelle.

Und wieder ging alles mit Leichtigkeit. Stadl erreichten wir schließlich unbeschadet eine Stunde früher als gedacht. Die “End-Brotzeit” schmeckte natürlich hervorragend – und mächtig Spaß hatten wir auch.

Gestern nun Etappe 2. Unsere Landkarte nicht mehr als ein Ausdruck von Google-Maps. Der Fußmarsch führte uns durch den Lechrain, bergab, bergauf. Zwei rote Punkte in der Ferne entpuppten sich als zwei alte Damen mit Hund. Und plötzlich merkten wir, wie positiv Menschen reagieren, wenn man von seinen Big 5 – in unserem Fall den Fußmarsch nach Liechtenstein – erzählt. Es kamen so viele gute Wünsche mit uns mit. …irgendwie erhebend.

Meine Tochter allerdings war gestern nicht so gut drauf. Die Füße trugen nur langsam. Der Bruder ärgerte…
…und plötzlich war sie wieder da, die “wie-schaff-ich das Krankheit” . Als Reisegefährte meiner Kinder klappte das Vorankommen dann mit Motivation, Ablenkung, Zuhören und einer Portion Eis. Die Etappe gestern war insgesamt nicht so schön. Dank Abzäunung und hoch gewachsenen Wiesen und Feldern mussten wir lange Zeit an viel befahrenen Straßen (darunter B 17) entlang. Und das machte einfach keinen Spaß. Es stank, es regnete. “Wie…” Stopp.

“Wir haben ein Ziel vor Augen. Denklingen für heute, Liechtenstein für später”. Und so kann ein Ziel im Leben eine unschöne Begegnung, unschöne Dinge im Leben klein erscheinen lassen. Denn das Ziel ist größer. Das Ziel ist stärker.

Ein letztes für die Big 5. Am Ende des gestrigen Tages wollten wir zurück an unseren Ausgangspunkt. Ein Bus fuhr auf dieser Strecke nicht. Also trampen. Ungutes Gefühl. Doch eine junge Frau nahm uns mit, fuhr noch extra einen Umweg für uns und brachte uns fast bis nach Stadl. Meine Tochter wollte danach nicht mehr trampen, aber auch nicht laufen. So riefen wir den Klassleiter meines Sohnes an, der holte uns schließlich und brachte uns wohlbehalten zu unserem Auto. So ist es gut zu wissen, dass es Menschen gibt, die wir um Hilfe bitten können. Gerade auch, wenn es um unsere Ziele geht. Wir müssen es nur tun. Und wenn dann alles gut geht, dann macht sich tiefe Dankbarkeit breit.

Insgesamt waren wir gestern etwa 9 km gelaufen.
Und ich freue mich schon auf die Erfahrungen der nächsten Etappe.

  • Catrin

    Liebe Friederike,
    herzlichen Dank, dass du uns an dem Erreichen deiner Big 5 teilhaben lässt.
    Catrin