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Harry Potter und die Big Five for Life

2011 Januar 3
amnesty international

»Anders als jedes andere Wesen auf dieser Welt können Menschen lernen und verstehen, ohne es selbst erlebt haben zu müssen. Wir können uns in die Lage von anderen hineindenken.« Selten habe ich mehr Einstiege in einen Artikel gehabt als heute. Ich hätte über das Scheitern schreiben können, was nicht nur zum Leben, sondern auch zu den Big Five for Life dazu gehört. Ich hätte über die Rehabilitation von Harry Potter schreiben können. Oder über die Gefahr von übersteigertem Realismus und Denkverboten nicht nur für das eigene Leben (es wird dadurch nicht bunter), sondern auch für das Leben anderer (dazu später mehr). Statt dessen habe ich dieses Zitat für den Einstieg gewählt.

Unlike any other creature on this planet, humans can learn and understand, without having experienced. They can think themselves into other people’s places.

Es stammt von Joanne K. Rowling. Und es bildet nicht nur die Klammer zwischen den diversen Einstiegsmöglichkeiten, weil es aus der Rede stammt, die J.K. Rowling vor den Graduierten des Harvard Jahrgangs 2008 zum Nutzen aus Misserfolgen und zur Bedeutung der Vorstellungskraft gehalten hat. Es ist zudem ein Satz, der auch von John Strelecky hätte sein können und der wie kaum ein zweiter beschreibt, wie der Wissenstransfer von einem WER zu einem Big Five for Life Abenteurer vonstatten geht.


Was die Rede für mich tatsächlich zu einer besonderen macht, ist die Tatsache, dass J.K. Rowling nicht der Versuchung erliegt, die Absolventen mit ihren Erfolgen zu beeindrucken. Statt dessen nutzt sie die Chance, der versammelten Harvard Nachwuchselite den Nutzen des Scheiterns zu verdeutlichen. Scheitern gehört zum Leben, sagt Rowling. Wer nicht scheitert, lebt nicht. Und ist bereits damit gescheitert. Zwar ist das Ausmaß des Scheiterns von Mensch zu Mensch unterschiedlich, aber nur durch das, was nicht gelingt, können wir erkennen, was uns wirklich wichtig ist. Soweit Rowling. Und wirklich wichtig sind unsere Big Five for Life. Sagt John Strelecky via Ma Ma Gombe. Nicht dass Ihr nun denkt, Big Five for Life Abenteurer müssten masochistisch veranlagt auf das Scheitern fixiert sein. Ganz im Gegenteil: Im 15. Kapitel von “Safari des Lebens” beschreibt Strelecky den Sinn von Niederlagen, als er Ma Ma Gombe von den Herausforderungen sprechen lässt, die sich die Menschen für ihr Leben aussuchen – und an die sie in Form von Niederlagen immer und immer wieder erinnert werden, wenn sie ihnen ausweichen.

»Zuerst sind es nur kleine, fast unmerkliche Erinnerungen. Aber wenn wir sie nicht erachten, ermahnt uns das Universum deutlicher. Was als leichtes Antippe der Schulter begann, kann sich zu einem heftigen Gewitter entwickeln. (…) Für diejenigen von uns, die sich erinnern, die die Herausforderungen annehmen und sie schließlich meistern (…), öffnet sich der Himmel und dann offenbart sich uns die Welt auf diese Weise (…) Wir erkennen, welches Paradies der Spielplatz tatsächlich ist.«

Genau das bestätigt auch J.K. Rowling in ihrer Rede:

Ich machte mir nicht mehr vor, jemand anders zu sein, als ich war, und ich fing damit an, meine ganze Energie in die einzige Arbeit zu stecken, die mir wirklich wichtig war. (…) Ich war frei, denn ich hatte meine größte Angst (vor dem Scheitern, d. Verf.) bereits erkannt, (…) ich hatte eine Schreibmaschine und eine große Idee. Und dieser absolute Tiefpunkt ist zu dem festen Untergrund geworden, auf dem ich mein Leben wieder aufgebaut habe.

Und Rowling belässt es nicht dabei, das Scheitern als Gelegenheit zur “Trennung von allem Unwichtigen” und die eigene Vorstellungskraft als Fundament des eigenen Erfolgs zu loben. Sie betont auch die negativen Folgen, die sich für andere ergeben können, wenn Menschen ihre Fähigkeit, sich in die Lage dritter zu versetzen, bewusst nicht nutzen wollen. Rowling tut dies am Beispiel von amnesty international, die internationale Menschenrechtsorganisation, für die Rowling nach ihrem Studium arbeitete.

Amnesty mobilisiert Tausende von Menschen, die niemals wegen ihrer Überzeugung gefoltert oder eingesperrt wurden, damit sie den Leuten helfen können, denen so etwas passiert ist. Die Macht des Mitgefühls, was zu gemeinsamen Taten führt, rettet Leben und befreit Gefangene. Gewöhnliche Menschen, deren eigene Gesundheit und Sicherheit bestand hat, versammeln sich in großer Anzahl, um Menschen zu retten, die sie nicht kennen und niemals treffen werden. (…) Dazu kommt, dass Menschen, die nicht mitfühlen, möglicherweise Unrecht bewirken. Denn selbst wir niemals selbst etwas vollkommen Böses begehen, können wir doch durch unsere eigene Gleichgültigkeit mitschuldig werden.

Damit erinnert Rowling die zukünftige Elite der einzigen Weltmacht an die Verantwortung, die sich aus dieser privilegierten Stellung in der Gesellschaft ergibt. Das ist ein Akt von Zivilcourage, der mir sehr gefällt!

P.S.: Die Rede ist übrigens auch auf Deutsch übersetzt worden.

  • Pingback: Uwe Alschner

  • http://www.hasti-vision.de Halina

    Wow, Uwe, das ist ja grandios – vielen Dank.
    Man macht sich gar nie so bewußt, das Scheitern als Meilenstein für neue Dinge zu sehen. Aber es stimmt: Scheitern setzt so viel Energie frei (auch Wut hat viel Energie), dass einem neue Ideen kommen – habs nur vergessen :-) . Danke dir für diese wieder erweckte Erkenntnis.

    Ein gutes, gesundes, glückliches und erfolgreiches neues Jahr dir und deiner Familie
    wünscht Halina